Info zum Lehrstuhl für Neuere Kirchengeschichte

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Die Neuere Kirchengeschichte umfaßt im Rahmen des Erlanger Lehrstuhls den Zeitraum vom späteren Mittelalter (ab ca. 1400) bis zur Gegenwart.

Das Gemälde (rechts) von Hans Holbein d.Ä. (1508) ist bildgewordene Theologie und Frömmigkeit. Zu den Schwerpunkten des Lehrstuhls in Forschung und Lehre gehört es, nach dem Zusammenspiel von Religiosität und Kunst, von Text und Bild zu fragen.

Die zeitlichen Schwerpunkte der am Lehrstuhl betriebenen Forschungen liegen im 15./ 16. und 19./20. Jahrhundert. Besondere Aufmerksamkeit wird den Brückenschlägen geschenkt: vom Spätmittelalter zur Reformation, von der Theologie der Universitäten zur Frömmigkeit und religiösen Mentalität des Alltags, von der Theologie- und Kirchengeschichte zur Politik- und Sozialgeschichte, von der Wilhelminischen Zeit und der Weimarer Republik zu den Jahren des Nationalsozialismus und der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg, von der traditionellen, stark männerzentrierten Geschichtsdeutung zu einer Sichtweise, die Frauen deutlicher wahrzunehmen sucht. Martin Luther genießt besondere Berücksichtigung, wird aber stärker als bisher vom Mittelalter her verstanden und in Beziehung zur Vielstimmigkeit der Reformation gesetzt.

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße, der Papst läßt sich die Füße küssen. Diese reformatorische Bildpolemik (Lukas Cranach d.Ä.) wird durch die Forschung des Lehrstuhls in den Kontext spätmittelalterlicher Klerus- und Papstkritik gestellt, so daß die kritische Innovation Luthers klarere historische Konturen gewinnt.

Zu diesem ausgeweiteten Ansatz der Reformationsforschung gehört das Editionsprogramm des Lehrstuhls. Folgende Texte werden nach den Handschriften und Frühdrucken kritisch ediert und kommentiert:

  • Der Briefwechsel des Straßburger Reformators Martin Bucer (1491-1551), der durch das weitverzweigte Netz seiner Korrespondenz europäische Dimensionen hat.
  • Die Schriften des Nürnberger Ratsschreibers Lazarus Spengler (1479-1534), der als der Theologe unter den Politikern der frühen Reformation gelten kann.
  • Am Lehrstuhl für Neuere Kirchengeschichte ist außerdem das Projekt Synagogen-Gedenkband Bayern verankert. Ziels dieses Projekts ist es, die bayerischen Synagogen und Betsäle, in denen um 1930 noch Gottesdienste gefeiert wurde, sowie die Geschichte ihrer Gemeinden in Text und Bild zu dokumentieren. Die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen recherchieren dazu in der Sekundärliteratur, forschen in Archiven, sprechen mit Experten vor Ort, unterhalten sich mit Zeitzeugen, gehen mit dem Thema an die Öffentlichkeit und erstellen auf dieser Grundlage die Artikel für den Gedenkband.
  • Der Briefwechsel des Johannes von Staupitz (ca.1468-1524). Der Band soll im Rahmen der Ausgabe "Johann von Staupitz: Sämtliche Schriften" erscheinen. Er wird alle erhaltenen Briefe der Staupitz-Korrespondenz sowie alle Staupitz erwähnenden Urkunden und Zeugnisse von Zeitgenossen umfassen. Staupitz war einer der bedeutendsten spätmittelalterlichen Theologen, Prediger, Seelsorger und Ordensreformer und wurde zur wichtigsten Gestalt in Luthers Entwicklung zwischen 1508 und 1518. Keine andere Theologie führte so nahe an die Reformation heran und in sie hinüber wie die des Oberhauptes der reformierten Augustinerklöster Deutschlands und der Niederlande. Als repräsentative Gestalt des Übergangs vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit spielt Staupitz auch in den Lehrveranstaltungen des Lehrstuhls eine wichtige Rolle.
  • Die volkssprachliche Vermittlung von Frömmigkeitstheologie während des 15. und 16. Jahrhunderts im Bereich der Stadt Nürnberg. Ziel dieses Projekts ist es, zu untersuchen, wie sich die spätmittelalterliche Umgestaltung der Theologie zu einer seelsorgerlichen Lebenslehre für nicht theologisch geschulte Laien, Priester und Ordensleute mit unterschiedlichen Formen volkssprachlicher Vermittlung durch Handschriften und Drucke, Texte und Bilder verbindet. Das Projekt geschieht in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen in Erlangen, Augsburg, Münster, Zürich, Amsterdam, Straßburg und Leipzig (Theologie, Germanistik und Kunstgeschichte). Seine Ergebnisse werden auf gemeinsamen Tagungen vorgestellt und weiterentwickelt.

Das Bild eines lesenden Apostels, Konrad von Soest (1408), verdeutlicht den spätmittelalterlichen und reformatorischen Zusammenhang von expandierender Lesefähigkeit und Laienfrömmigkeit. Zu den besonderen Zielsetzungen des Lehrstuhls gehört es, die Zusammenhänge zwischen Lesekultur und Populartheologie zu klären.

In der Lehre beteiligt sich der Lehrstuhl an den zweisemestrigen Überblicksdarstellungen zur gesamten Kirchengeschichte von der Zeit Jesu bis ins 20. Jahrhundert. Darüber hinaus werden regelmäßig Vorlesungen zu Spätmittelalter und Reformation, zu Luther und zum 20. Jahrhundert (1900-1989) angeboten. In den Proseminaren, Hauptseminaren und Übungen liegt das thematische Gewicht auf der spätmittelalterlichen Theologie und Frömmigkeit, der Reformation, dem Pietismus, dem Verhältnis von Theologie und politischen Mächten im 20. Jahrhundert und der Frauengeschichte.